Losgelöst

Leadership inspired by Seamanship 2016/1, Tage 4 und 5:
Die Nacht erneut sicher in Telascica zu verbringen, erwies sich als richtige Entscheidung. Mehrere Gewitter waren über uns hinweg gezogen und sorgten für einen grauen Morgen. Uns fiel es schwer, dem Wetterbericht zu glauben, der ab Mittags wolkenlosen Himmel und später sogar Bora vorher gesagt hatte. Die Bora ist der bekannte, stürmische Fallwind der kroatischen Küste, der mit dem Mistral in Südfrankreich und dem Föhn in Bayern vergleichbar ist, sie erreicht regelmäßig über 150 km/h Windgeschwindigkeit, was dann zu den bekannten Sperrungen der kroatischen Straßen führt. Wir waren gespannt, wie sich das entwickeln würde.
Doch zunächst hatten wir erst mal ein technisches Problem zu lösen: der Druckminderer an der Bordgasflasche hatte, eine kräftige Stichflamme am Herd produzierend, seinen Geist aufgegeben. Nach einem kurzen Telefonat zwischen Bob und dessen Yachtwerft in unserer Startmarina war schnell eine pragmatische Lösung gefunden: vor Ort organisierte man dort das Ersatzteil und gab es am Festland gleich der Morgenfähre zur nahen Inselstadt Sali mit, wo wir es in Empfang nehmen konnten – ein super Service, der uns warmes Essen und Kaffee für den Rest der Tour sicherte.

Von Sali, vor dessen Hafen uns bei der Abfahrt zufällig mal wieder „Wilson“, unsere MOB-Manöver Boje über Bord fiel und Tagesskipper und Mannschaft kurz zum Schwitzen brachte, ging es auf Südkurs zu einer einsamen Bucht, von der aus die Erkundung einer der vielen menschenleeren Inseln geplant war. Auf dem Weg dorthin stellte sich tatsächlich der pure Sonnenschein mit sehr milder Temperatur ein, so dass wir bereits die Coachings während der Fahrt, und, nach dem Übersetzen mit dem Beiboot, die von mir begleitete Inseltour in T-Shirt und Shorts machen konnten. Auf dem Gipfel der karstigen Insel erwartete uns, neben einer einzigartigen Aussicht, ein vermutlich in der Römerzeit angelegter, verlassener Garten, in dem es bereits blühte und Salbei, Rosmarin, Feigen- und Olivenbäume wuchsen.
Langsamkeit, Stille, Wahrnehmung und Akkus aufladen schien für alle an diesem frühsommerlichen Trainingstag besonders im Vordergrund zu stehen. Nach der Erkundung des Gärtchens, fand sich das Team unabgesprochen gemeinsam am Gipfel oberhalb der Bucht zusammen, setzte sich ins Gras und erlebte schweigend die Ruhe, Weite und Wärme dieses Ortes, der im Angesicht der Spätnachmittagssonne eine kraftvolle Energie ausstrahlte. Es war einer dieser wunderschönen „Sometimes you find yourself in the middle of nowhere, and sometimes, in the middle of nowhere you find yourself“- Orte, an dem sich jeder intensiv spüren konnte.

Wieder auf der Julija stand das Briefing für ein weiteres Highlight der Woche an: die Nachtfahrt, zu der wir gegen 17:30 in einen malerischen Sonnenuntergang hinein starteten.
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Kaum um die Ecke der Insel herum, empfing uns die Bora mit strammem Wind. Das bedeutete Highspeed-Segeln, Kreuzen und Segelhandling in völliger Dunkelheit, denn es war eine mondlose Nacht, die das nächste Level für das Team und den Tagesskipper bedeutete. Schnell zeigte sich, dass die vereinbarten Teamregeln und Strukturen in Kombination mit der bisher gesammelten Erfahrung funktionierten: dieser Abschnitt der Fahrt wurde für die Mannschaft zu einer gelungenen Kombination aus Herausforderung, Spannung und Genuss des Segelns unter einem sagenhaft schönen Sternenhimmel, wieder einmal nur vom Rauschen des Meeres begleitet.
Ganz andere Fähigkeiten wurden jetzt bei unseren Teilnehmern aktiviert. Da man an den üblichen Instrumenten und Indikatoren im Dunkeln nicht sehen konnte, ob Segel und Kurs optimal waren, mussten Körpergefühl, Intuition und Gehör herhalten: es galt Böen zu antizipieren und genau zu spüren, wann und wie die Segel sich optimal füllten und die Power am besten in den Rumpf übertrugen.
„Hättet Ihr uns bei der Ankunft gesagt, dass wir das hier können müssten und würden – ich hätte es nicht geglaubt und mich auch nicht getraut“ – diesen Satz hören wir immer wieder auf unseren TrainingsWieder einmal sorgte Begeisterung dafür, dass das Wollen und die Motivation eine höhere Priorität bekamen, als bestehende Befürchtungen.
Kurz vor Mitternacht endete dieser erfahrungsreiche Tag in einer einsamen Bucht nahe der Insel Murter, in der die Julija den Rest der Nacht in der Bora kräftig um ihren Anker herum wirbeln sollte.
Folgende Kompetenzen wurden an Tag 4 besonders trainiert und weiter entwickelt:
Selbstwahrnehmungs-, Selbststeuerungs-, Führungs- und soziale Kompetenz

Tag 5 begann erneut mit einer kleinen Challenge: ein Fischer klopfte früh an unser Boot. Er hatte nachts sein Netz ohne die vorgeschriebenen Markierungen ausgelegt, so dass wir es, da für uns nicht sichtbar, beim Ankern eingehakt und beschädigt hatten.
Anstatt auf Recht oder Schuld zu pochen, lösten wir das Problem mit ihm gemeinsam und auf einander zu gehend und hatten am Ende für unsere zukünftigen Touren jemanden gewonnen, der uns vielleicht mal einen guten Fisch organisieren würde.
Weiterer Sport stand vor der Abfahrt für die Mannschaft in Form einer Tour zum Gipfel einer recht wilden, felsigen Insel an, diesmal ohne meine Begleitung. Zu sechst bei Bora im kleinen Beiboot plus ein paar Kletterelemente auf dem Weg hinauf erweiterten die Komfortzone aller wieder ein wenig mehr: die Aussicht am Gipfel war überwältigende Belohnung dafür.
Im Anschluss ging es in bewegtem Wasser rasant von der Bora geschoben in Richtung des nächsten Tagesziels. Die genaue Route dort hin unter Berücksichtigung von Wind, Inselgeographie und Wetterprognose mussten Team und Tagesskipper ab diesem Morgen für den Rest des Trainings jeweils komplett selbst planen und entscheiden. Das Zusammenspiel von Ziel- und Wegverantwortung zwischen Skipper und Mannschaft sollte also bis zum Schluss weiter kräftig trainiert werden.
Wie schwierig und herausfordernd der passende Umgang damit ist, wie sehr er über Erfolg, Wirksamkeit und Effizienz entscheiden kann, erlebten alle erneut kurz vor Zielankunft in einer ausführlichen Man-über-Bord Übungseinheit, bei der unsere MOB-Boje diesmal nur unter Segeln und ohne Motorhilfe wieder an Bord gebracht sollte. Erneut bewies sich diese Übung als ideal, um unter Stress den richtigen Umgang zwischen Führung und Teamarbeit zu trainieren und zu verstehen, wie wichtig es ist, sowohl an der Front aktiv zu sein und gleichzeitig den Blick auf das Gesamtbild nicht zu verlieren, um Ziele so erfolgreich zu erreichen.
Mit Einzelcoachings am Bug der Julija ging der letzte Teil dieses Tagestrips zu Ende, noch einmal empfing uns eine weitere völlig einsame Bucht, bevor am Folgetag Kurs Marina angesagt sein sollte.
Folgende Kompetenzen wurden an Tag 5 besonders trainiert und weiter entwickelt:
Führungs-, soziale -, Entscheidungs-, Lösungs- und Selbstcoachingkompetenz