Behave like a Captain 4: „Use Your Mind“

Krisen meistern wie ein Captain: 
4. Bleibe bei Dir und nutze Deinen Verstand  

Mit Krisen – in der Luftfahrt Emergency/Notfall genannt – richtig umgehen und sie sicher meistern, das gehört für Berufspiloten zum Grundhandwerkszeug. Genau deshalb ist die Luftfahrt heute eine der sichersten Transportmöglichkeiten der Welt.
Seit ich 15 Jahre alt bin fliege ich, und Krisen wie ein Pilot zu bewältigen, ist für mich eine Lebenseinstellung geworden, die auch aktuell für mich bestens funktioniert.
Was man aus den wichtigsten Emergency-Strategien der Fliegerei für’s Leben, privat oder beruflich, lernen kann, stelle ich Dir hier in dieser Reihe in meinem Blog vor.
Take-off and become the captain of your life!

„Bleibe bei Dir, steuere Dein Verhalten mit dem Verstand“ ist eine der ersten und wichtigsten Grundhaltungen, mit denen Piloten vom Beginn ihrer Ausbildung an in Berührung kommen.
Also gehen wir doch dort einmal hin.

Wie alles anfing
Ich erinnere mich noch genau an diesen sonnigen Maitag. Ich war gerade 14 Jahre alt geworden, und das erste Mal war ich nicht, wie bisher schon so oft, nur „am“ Flugplatz zum Zuschauen, sondern „auf“ ihm, direkt am Start der Segelflieger, denn heute sollte es soweit sein: der erste Flug meines Lebens.
Dass ich davor noch nie geflogen war, lag an der geringen Reiselust meiner Eltern – zum Glück, denn Flugzeuge und Fliegen anzuschauen hatte mich zwar schon immer begeistert, die Vorstellung, in eines einzusteigen, aber geängstigt.
Als ich erfuhr, dass man Segelfliegen bereits mit 14 Jahren anfangen konnte, schien sich in meinem Kopf ein Schalter umgelegt zu haben. Auf einmal wusste ich: das will ich lernen.
Dennoch war mir vor diesem ersten Mal mitfliegen ganz schön mulmig. Ich hatte vorher Unfallberichte gewälzt und über eine Hauptunfallursache und –gefahr gelesen: zu langsames Fliegen mit Strömungsabriss und Trudeln.
Bis zu meinem Flug musste ich noch etwas warten und hatte Zeit zu beobachten, wie die Segelflieger sich oben in den Aufwinden höher und höher schraubten.
Dann passierte es: genau der Flieger, in dem ich nachher mitfliegen sollte, „geriet“ plötzlich ins Trudeln und fiel wie ein welkes Blatt vom Himmel. Bange Sekunden, dann Aufatmen, er „konnte“ sich zum Glück noch einmal fangen. Ich muss wohl ziemlich erschrocken ausgesehen haben und war grad am Überlegen, wie ich mich hier unauffällig wieder verdünnisieren könnte, da sprach mich einer der Anwesenden an: „Keine Angst, das war Absicht, ist ein Schulflug und der Fluglehrer übt das grad mit dem Flugschüler“. „Aha“, murmelte ich, „Ist das denn nicht gefährlich? Da passieren doch so viele Unfälle deswegen.“ – „Gefährlich ist es und Unfälle passieren, wenn Du es nicht mit Deinem Verstand und Deinen Händen beherrschst. Beim Kunstflug ist es sogar oft eine absichtlich eingebaute Figur“, erklärte mir der Mensch ruhig und mit leuchtenden Augen, der ein paar Jahre später mein Kunstfluglehrer werden sollte.
Und so blieb ich dann doch. Zum Glück.
Es gibt Momente im Leben, die man nie vergisst – mein erster Flug wurde so einer.

Emotionale und körperliche Regungen unterdrücken: Trudeln lernen
Die Flugausbildung ist voll von Beispielen, bei denen es darum geht, emotional oder körperlich getriebene Reflexe durch bewusst gesteuertes Verhalten zu ersetzen.

Sei es, beim Blind-/Instrumentenflug diszipliniert den Instrumenten zu vertrauen, anstatt dem Gleichgewichtssinn oder in einem Notfall zu erst zu einer Checkliste zu greifen, anstatt vor Sorge aktionistisch drauflos zu doktern. 
Was das beim Trudeln bedeutet, sollte ich bald selbst lernen.

Ein kleiner Ausflug in die Welt der Aerodynamik 
Wenn das Flugzeug in einer Kurve so langsam geflogen wird, dass die Luftumströmung am Flügel abreißt, kann es dadurch zu Trudeln beginnen.
Als Pilot sieht man dann nur noch die Erde auf sich zurasen und –rotieren, siehe Titelfoto, ein für viele emotional sehr belastender Zustand. Der typische Reflex: erst mal den Steuerknüppel nach hinten ziehen, was im normalen Flug die Flugzeugnase wieder nach oben bringt. Bei abgerissener Strömung ist es jedoch fatal, weil dadurch ein schnelles Wieder-Anliegen der Luftströmung behindert, je nach Flugzeug sogar komplett verhindert wird, die Situation also entweder langsamer gelöst oder sogar verschlimmert wird, was in niedriger Höhe zum Crash führen kann.
Um das Trudeln zu beenden, muss man bei fast allen Flugzeugen etwas tun, was „gegen die Natur“ erscheint: erst mal nicht am Knüppel ziehen, sondern, nach dem Stoppen der Drehung, ihn sogar leicht nach vorne lassen, obwohl es sowieso schon steil abwärts geht, so, als wolle man sogar noch steiler nach unten stürzen.
Dadurch ermöglicht man es der Strömung, schneller wieder wieder am Flügel anzuliegen und die Maschine kann so unterm Strich zügiger wieder in die normale Fluglage zurück gebracht werden.
Auf dem Video unten kann man diesen kurzen Effekt des Nase-noch-weiter-Absenkens sehr schön sehen.
Ich muss also in diesem Fall, gesteuert durch den Verstand, bewusst die Situation kurz erst einmal „scheinbar verschlimmern“, damit sie schnell lösbar wird – ein interessantes Bild für Krisen außerhalb der Fliegerei. Oft ist dort, wo der Schmerz ist, die Lösung.

Als eine der Ursachen für den bekannten Flugunfall von Air France Flug 447, bei dem 2009 ein Airbus A 330 auf dem Weg von Rio de Janeiro nach Paris über dem Atlantik abstürzte, kristallisierte sich heraus, dass die Crew in einer „emotional belastenden Situation“ den Strömungsabriss nicht richtig erkannte und durch einen von einem der Piloten unter Stress zu stark gezogenen Steuerknüppel diesen Zustand nicht beenden konnte.

Achtung vor Dynamiken
Was dieser Unfall und die Analyse des Voice Rekorders noch aufzeigte: die Gefahr durch Negativ-Dynamiken, die durch emotional getriebenes Handeln entstehen können.

Handelt ein Crew-Mitglied emotional, kann dies zu einer Gefährdung und Stress bei einem anderen Crew Mitglied führen und damit im ungünstigen Fall ebenfalls zu dessen emotional gesteuertem Verhalten. Negative Ansteckung, unbewusstes gegenseitiges Hochschaukeln und eine immer stärkere Leistungsreduzierung der Crew ist die Folge, anstatt der durch Teamarbeit gewünschten, positiven Multiplikation der Ressourcen.

… So wie in Corona Zeiten der angstgetriebene Klopapierkauf einiger Weniger am Ende zu einem tatsächlichen Ausverkauf führt, weil plötzlich viele durch die Verknappung gestresst mithamstern, die dies ursprünglich eigentlich gar nicht getan hätten.  

Neben dieser Stress- und Angstdynamik, kann aber auch die des übertriebenen Mutes bei Flight Crews entstehen:
Stellen wir uns einfach einmal vor, ein erfahrener, älterer Pilot, fliegt mit einem unerfahrenen jüngeren Piloten:  
-> der Ältere trifft eine mutige Entscheidung, die er alleine so nicht fällen würde, weil er sich denkt „Der Jüngere wird sich schon melden, wenn er es gefährlich findet.“
-> der Jüngere würde zwar selbst die Entscheidung tatsächlich so nicht fällen, sagt aber nichts, weil er Respekt, vielleicht sogar etwas (Er-)Furcht vor dem Älteren und dessen Erfahrung hat.
-> der Ältere fühlt dadurch in seinem Verhalten bestärkt nach dem Motto: „Okay, der Jüngere hat ja nix gesagt, also war’s ja anscheinend nicht so riskant.“
Und schon fliegen beide deutlich mutiger und riskanter, als es jeder einzeln für sich eigentlich tun würde, mit oft fatalen Folgen.
 
Was macht für Dich Sinn?
Um emotionale Dynamiken zu verhindern, sei es bei Dir oder in Deinem Umfeld gilt ganz besonders:
Bleibe mental und im Handeln bei Dir.

Was heißt das?
– betrachte die Situation mit den Dir zur Verfügung stehenden Fakten (oder hole sie Dir an Stellen, die Du als zuverlässig und kompetent einschätzt)
– nimm sachlich Deine Emotionen und körperlichen Reaktionen und deren Einfluss auf die Situation wahr
– mache/sei Dir Deiner Skills und Kompetenzen bewusst
 
-> treffe aus all dem eine Entscheidung – weil sie so für Dich Sinn macht und zu Deinen Fähigkeiten passt.
Es kann sein, dass andere auf Grund anderer Skills, Erfahrungen oder ausgeprägterer Fähigkeiten anders entscheiden würden, das ist in Ordnung.

Und lass Dich nicht durch diejenigen beeinflussen, bei denen die Emotionen über den Verstand bereits gesiegt haben, oder weil Du Dich nicht traust, ihnen zu widersprechen – Du hilfst ihnen, in dem Dein Verstand der Captain bleibt.
Ein Pilot ist immer erst einmal dafür verantwortlich, sein Flugzeug am Fliegen zu halten.
Wenn andere Piloten in einem anderen Flugzeug in der gleichen Situation aus Panik anders herangehen, ist das während seines Notfalls nicht sein Problem.
Er handelt und entscheidet nach seinem Verstand und verschwendet keine Zeit mit der Bewertung und gar der Maßregelung des Verhaltens der anderen.

Wenn die Komfortzone mehr und mehr schrumpft
Wer oft emotional, stress- und angstgetrieben handelt und sich deshalb immer wieder Dynamiken ausgesetzt fühlt, kann die Tendenz haben, diese im Alltag mehr und mehr vermeiden zu wollen.

Die Folge: Du ziehst Dich immer öfter, bei jeder noch so kleinen, unbequemen, unbekannten oder schwierigen Situation in Deine persönliche Komfortzone zurück und weichst aus.
Das Gemeine: Du wirst dabei nicht nur nicht-wachsen, sondern Dich sogar mit der Zeit zurück entwickeln, weil durch dieses Verhalten für Dich irgendwann selbst einfache Dinge, die Du nicht so oft machst, subjektiv unbequem werden und Deine Komfortzone immer kleiner wird.
Ich erlebe dieses Phänomen oft bei Flugangstklienten: erst war es nur die Angst vor dem Fliegen, dann die vor Seilbahnen und dann die vor Autobahnbrücken…
Die Lösung: Herangehen, anstatt herum- oder zurückgehen. Wenn Du Dich alleine nicht traust, hole Dir Hilfe.

So etablieren Piloten die passende Einstellung und Haltung
– sich bewusst mit Zuständen, bei denen sie Gefahr laufen, emotional getrieben zu handeln, konfrontieren und sie trainieren

– sich das dafür notwendige Wissen* soweit wie möglich vorher aneignen, das schafft Orientierung und ermöglicht die bestmögliche Einschätzung und Bewertung der Situation
– die Situation in herausfordernden aber auch gangbaren Schritten anpacken
– wenn die Schritte zu groß erscheinen, einen Fluglehrer oder erfahrenen Kollegen holen
– üben, wiederholen, trainieren, Fehler machen, lernen
– üben, wiederholen, trainieren, Fehler machen, lernen
– üben, wiederholen, trainieren, Fehler machen, lernen
– üben, wiederholen, trainieren, Fehler machen, lernen…
(das nennt man auch Erfahrung sammeln)
…bis die Situation nicht mehr negativ emotional z.B. in Form von Stress, Sorge, Angst, sondern am besten sogar mit positiven Emotionen verknüpft empfunden wird, weil sich Wissen, Können, Erfahrung, Erfolg, Lernen und Weiterentwicklung eingestellt hat.

Dann geht’s weiter:
– mit neuen, schwierig(er)en Situationen konfrontieren und das Spiel beginnt von vorne
– Strukturen, wie z.B. Checklisten, zur Analyse und Abarbeitung unbekannter Situationen parat haben (dazu in einer der nächsten Folgen)
Ja, ich weiß, da hätten wir es wieder, das D-Wort namens DISZIPLIN.

So etabliert sich irgendwann die innere Einstellung, dass schwierige und Notsituationen einfach dazu gehören und Teil des Spiels sind, genauso wie die Tatsache, dass es dabei oft einen unbekannten Anteil gibt.
Am Ende sind es jedoch oft genau diese Momente, die, obwohl sie anstrengend und knifflig waren, rückwirkend als die wertvollen empfunden werden.
Und spätestens dann wird ein Pilot die innere Haltung entwickelt haben, sich nicht durch seine Emotionen getrieben, sondern durch seinen Verstand gesteuert zu verhalten.  

* bei ca. 50% meiner Flugangstklienten löst sich das Problem allein durch die Vermittlung von Wissen rund um das Thema Luftfahrt

Was kannst Du tun, wenn Dein Leben ins Trudeln gerät 
Das oben Genannte eins zu eins und Schritt für Schritt anpacken und in Deinem Leben umsetzen.
Wenn Dir die Schritte zu groß erscheinen, helfe ich Dir gerne. Nimm dazu einfach Kontakt mit mir auf. 

Wenn Du zum Trudel-Liebhaber wirst
Heute bringe ich angehenden Fluglehrern in deren praktischer Ausbildung das Trudeln in allen Lagen bei – so auch im Video unten. Unschwer zu hören, wie ich Freude daran habe.

„Immer wieder Situationen,
die ich zunächst schwierig oder sogar beängstigend finde,
mit dem Verstand meistern und daran wachsen.

Vielleicht liebe ich das Fliegen ja so,
weil es ein permanentes Üben dessen ist,
was man Leben nennt.“
– jet

Über den Autor

Janik Eggler, fliegender Leaderhip Trainer und Business Coach. Über 13 Jahre selbst als Führungskraft, Bereichsleiter und Manager in der Telekommunikations- / Finanzdienstleistungsbranche im Daimler Konzern und der IKEA Gruppe durch dick und dünn gegangen. Seit 25 Jahren Trainer und Coach für Leader und Teams, seit 30 Jahren leidenschaftlicher (Berufs-) Pilot und Kunstflieger, sowie Fluglehrer.


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