Behave Like a Captain 1: „Stay Calm“

Krisen meistern wie ein Captain:
1. Bleib ruhig, dann bleibst Du intelligent

Mit Krisen – in der Luftfahrt Emergency/Notfall genannt – richtig umgehen und sie sicher meistern, das gehört für Berufspiloten zum Grundhandwerkszeug. Genau deshalb ist die Luftfahrt heute eine der sichersten Transportmöglichkeiten der Welt.
Seit ich 15 Jahre alt bin fliege ich, und Krisen wie ein Pilot zu bewältigen, ist für mich eine Lebenseinstellung geworden, die auch aktuell für mich bestens funktioniert.
Was man aus den wichtigsten Emergency-Strategien der Fliegerei für’s Leben, privat oder beruflich, lernen kann, stelle ich Dir hier in dieser Reihe in meinem Blog vor.
Take-off and become the captain of your life!

Erstes und wichtigstes Pilotengebot:
Bleib ruhig, dann bleibst Du intelligent.

Aber wie? Mit folgenden Techniken, die vielleicht erst einmal völlig banal klingen mögen:
1. Atemkontrolle: atme ein und kräftig, bewusst und langsam aus
2. Körperhaltung steuern: richte Deinen Körper auf
3. Muskelkontrolle: entspanne, lockere den Schulter- und Nackenbereich
4. Achtsamkeit: nimm Deine Emotionen bewusst wahr und verbalisiere sie
Das sind doch uralte Binsenweisheiten, mag der ein oder andere denken – jap, sind es, und inzwischen kann man sogar neurowissenschaftlich belegen, dass und wie sie funktionieren.

Emotionen und Körper hängen zusammen
Bei den oben genannten Techniken geht es um das Beeinflussen von Emotionen über eine bewusste körperliche Steuerung.
Dahinter steckt die neurowissenschaftliche Erkenntnis, dass bei uns Menschen jeder Emotion zunächst eine körperliche Reaktion voraus geht.
Genau deshalb wundern sich meine Flugschüler oft, wie ich, sogar hinter ihnen im Cockpit sitzend, erkennen kann, dass sie eine bestimmte Situation gerade stresst.
In diesem Fall fällt es mir meist daran auf, dass die Körperhaltung plötzlich etwas geduckter ist, die Schultern verkrampft hochgezogen sind und der Steuerknüppel auf einmal etwas grober, eckiger betätigt wird. 
Sehr, sehr vereinfacht gesagt: die eigentliche Emotion (wie Stress oder Angst) entsteht also nach der körperlichen Reaktion, sprich nach deren „Verkörperung / Embodiment“ durch Muskelspannung, Körperhaltung, Atmung etc. und der u.a. dadurch ausgelösten Kette an körperlichen Nervenimpulsen.

Die automatisierte Reaktion durchbrechen
Und genau hier kannst Du Einfluss nehmen:
Wenn eine Emotion nicht die passende Verkörperung erfährt, kann sie nicht aufrecht erhalten werden.

Wenn Du also Deinem Körper in einer Situation, die Dir typischerweise Angst macht:
-> nicht gestattest, in eine geduckte, verspannte Schutzhaltung zu gehen, sondern Dich bewusst aufrichtest und lockerst
-> nicht gestattest, in eine flache, hektische Atmung zu fallen, sondern ganz bewusst ruhig atmest, besonders ausatmest (jeder Kampfsportler kennt das)
-> Deine Emotionen gegenüber anderen sachlich aussprichst, anstatt sie automatisiert oder ungesteuert auszuleben

…dann bleibst Du ruhig und empfindest dies auch.
Wenn mein Flugschüler also in einer Situation, z.B. im Landeanflug gestresst ist, reicht es oft, ihm einfach zu sagen: „Lockere mal kurz Deine Schultern und atme kräftig aus“ und schon klappt die Landung spürbar besser.


Stress und Angst macht Birne blöd
Und wozu das Ganze? Weil Du dann intelligenter handelst.
Auch dies wieder sehr vereinfacht erklärt:
Wenn wir in einen Stress- oder Angstzustand kommen, versucht unser Körper uns, evolutionsbedingt, in einen Fluchtmodus zu versetzen. Das Blut wird dann dorthin transportiert, wo es im Falle einer Flucht zum Sauerstofftransport und dem Erzeugen von Leistung gebraucht wird, nämlich in die Muskeln, vor allem in die der Beine.
Wem steht dann also weniger Sauerstoff und somit weniger Sprit für Leistung zur Verfügung – richtig, dem Gehirn. Banal gesagt: Stress und Angst macht Birne blöd!
Wenn die Angst richtig groß wird, kann es sogar zu einer völligen Denkblockade kommen.
Jetzt stell Dir einmal vor, ein Pilot sollte in solch einem Gehirnzustand in einer Notsituation ein so hoch komplexes Gerät wie ein Passagierflugzeug korrekt führen, ohne dass ihm die tausend Anzeigen und Schalter im Cockpit vor Augen verschwimmen und er womöglich notwendige Schritte in der falschen Reihenfolge macht.
Und wer hat es nicht schon mal bei einer Prüfung bei sich selbst erlebt: Du denkst noch „Hoffentlich bekomm ich keinen Blackout“ und schon – und vor allem genau deshalb – ist er dann auch direkt da.

Der Nachbrenner für’s Hirn
Wenn wir jedoch in einem ruhigen, positiv angespannten, neugierigen oder gar freudigen Zustand sind, passiert genau das Gegenteil: es ist viel Sauerstoff im Gehirn plus zusätzlich Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, die dessen Geschwindigkeit und Leistungsfähigkeit enorm steigern – in Pilotensprech sozusagen der Nachbrenner für’s Hirn – und plötzlich sind wir in der Lage, klar und gut zu denken, schnell und besser zu entscheiden und uns, wenn wir in einen Flow kommen, sogar gewaltig in unserer Leistung zu steigern und zu übertreffen. Und das fühlt sich dann auch noch verdammt gut an.
Genau deshalb gibt’s in vielen Notfallstrukturen der Fliegerei fixe Punkte, an denen vor weiteren Schritten bewusst „Durchatmen und kurz Innehalten“ angewiesen wird. Einige davon werden hier noch vorgestellt werden.


Zusammengefasst:
Wenn Du ruhig bleibst, bringst Du Dein Gehirn in einen, aufmerksam entspannten Zustand. Guter Zustand – gute und schnelle Leistung – intelligente Bewertung der Situation – bessere Lösungsideen – bessere Entscheidungen – besserer Umgang mit Fehlern und Rückschlägen – bessere Zielerreichung.
Klar, warum das für Piloten, besonders in Notfällen, ein äußerst dienlicher Zustand ist?
Klar, warum das auch für Dich im Umgang mit jeder Krise ein sehr hilfreicher Zustand ist?

Crew Management System im Cockpit steigert Sicherheit
Das Wissen, dass Stress und Emotionen wie Angst, Sorge, Wut, Frust die Gehirnleistung drastisch reduzieren, Entspannung, positiv neugierige Anspannung, Spaß und Freude hingegen die Gehirnleistung deutlich steigern, ist ein der wichtigsten Grundlagen des von allen Fluggesellschaften angewendeten Crew Management Systems (CRM), durch das die durch „menschliches Versagen“ verursachten Unfallzahlen in der Luftfahrt deutlich reduziert werden konnten.
Übrigens, einen ganz wichtigen weiteren Effekt hat eine bessere Gehirnleistung für Piloten: da die körperliche Motorik ebenfalls dort gesteuert wird, wirkt sich ein leistungsfähiges Gehirn auch darauf aus, wie gut, präzise und feinfühlig ein Pilot sein Flugzeug lenken kann, was in Grenzsituationen, wie z.B. bei einer Wasserung auf dem Hudson River ein entscheidender Skill ist.
Auch diese Erkenntnis kann auf alle Tätigkeiten, bei denen es auf eine präzise Motorik ankommt, übertragen werden, sei es im Sport oder Beruf.

Lust auf ein kleines Experiment?
Du kannst die Wirkung von Embodiment ganz einfach direkt selbst ausprobieren – am besten an einem ruhigen Platz.

1. Denk einfach mal an eine sehr unangenehme Situation, so dass Du es auch fühlen kannst und geh dann bewusst in die dazu passende geduckte, ängstliche, hängende, schlaffe Körperhaltung.
Und dann sag mal laut: Mir geht es so richtig gut!
Wie fühlt sich das an?

2. Und nun umgekehrt: Denk an was total Tolles, Erfreuliches in Deinem Leben, lass das damit verbundene gute Gefühl in Dir aufkommen und gehe dabei bewusst in die aufrechte, energiegeladene Körperhaltung eines Siegers.
Und dann sag mal laut: mit geht es total beschissen!
Auch komisch, oder?
Ich nehme an, Du hast nun gemerkt, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt?

Leg direkt los!

Die oben genannten Tipps sind so einfach, dass Du direkt damit loslegen kannst:
Überlege Dir einfach mal, was in den letzten Tagen unangenehme Situationen für Dich waren, in denen Du Dich unter Druck, gestresst, besorgt, unruhig oder ängstlich gefühlt hast.
Welche davon werden so oder ähnlich in der nächsten Zeit im Alltag immer wieder einmal wann und wo vorkommen?
Dann lege einen Punkt fest, an dem Du Dir vornimmst, eine der oben genannten Techniken einzusetzen und dadurch Deine Emotionen zu steuern.
Es ist völlig normal, wenn es vielleicht anfänglich nicht so gut klappt, wie Du es Dir vorstellst.
Um das festzustellen, nutze einen weiteren Pilotenskill: lege einen Checkpoint fest, z.B. täglich abends und mache kurz Bestandsaufnahme:
Wo ist es mir heute gut gelungen?
Wo habe ich den Moment verpasst? Was war die Ursache dafür? Wie kann ich das verbessern? 

Ich wünsche Dir gutes Gelingen.

Danke für dieses super Foto von einem nächtlichen Endanflug auf den Airport von Toulouse in einem Airbus an meinen Pilotenfreund Philip Dünßer.

Über den Autor

Janik Eggler, fliegender Leaderhip Trainer und Business Coach. Über 13 Jahre selbst als Führungskraft, Bereichsleiter und Manager in der Telekommunikations- / Finanzdienstleistungsbranche im Daimler Konzern und der IKEA Gruppe durch dick und dünn gegangen. Seit 25 Jahren Trainer und Coach für Leader und Teams, seit 30 Jahren leidenschaftlicher (Berufs-) Pilot und Kunstflieger, sowie Fluglehrer.


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